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19. Dezember 2020

Roland Ranz

"cuts"

Foto: o.T., 2020, Acryl, Kunstharz / Leinwand, 100 x 180 cm.

Einen Blick in die Ausstellung finden sie unter Virtuelle Ausstellungen.

Die Ausstellung präsentiert großformatige und mehrteilige Gemälde des in Biberach lebenden Malers Roland Ranz (geb. 1957). Sie können einer geometrischen Abstraktion zugeschrieben werden. Stärker und weniger stark differenzierte Bildteile erzwingen ein vergleichendes Sehen.

Roland Ranz:  "cuts"  –  Malerei

Biografie

geb. 1957 in Ochsenhausen

1982 - 1989 Studium an der Staatl. Akademie der Bildenden Künste, Karlsruhe, bei Prof. Peter Ackermann.

1991 Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg

lebt und arbeitet in Biberach



Ausstellungen I Auswahl:
2015 Schloss Achberg,

Kunst – 20. Jahrhundert - Oberschwaben

2009 Gruppenausstellung Haus Salmegg
20 Jahre Kunstverein Rheinfelden

2007 Fruchtkasten Ochsenhausen
PENG! raum fuer kunst, mannheim
Kornhaus Weingarten

2006 Schloss Fachsenfeld mit Romane Holderried Kaesdorf, Aalen
Waldshut, Lonza-Villa

2004 Kleine Galerie Bad Waldsee

2001 Kreissparkasse Ravensburg

2000 Galerie der Gegenwart Braith-Mali-Museum Biberach

1998/99 1. Trienale zeitgenössischer Kunst Oberschwaben


Farbseelen

Von Dr. Herbert Köhler, Ravensburg

Die Malerei des Künstlers Roland Ranz ist gut eingebettet in die Geschichte der konkreten, konstruktivistischen und minimalistischen Auffassungen des 20. Jahrhunderts. Wer nach Paralleloptik suchen will, stößt etwa auf Piet Mondrian, Antonio Calderara, Josef Albers, Rupprecht Geiger bis Blinki Palermo, Imi Knoebel, Günther Förg, Gerhard Richter, Piero Manzoni, Robert Ryman und auch auf die Raumkonzepte, wie sie Lucio Fontana schon gedacht hatte.

Diesen Künstlern gemeinsam ist nicht der herkömmliche Weg, vom Material Farbe aus zu abstrahieren, sondern umgekehrt, genau diesem Weg einen Umkehrschub zu verleihen, d.h. Ideen zu materialisieren und sie mit ihrer Umsetzung in Form und Farbe zu konkretisieren.

Ganz allgemein: Das jeweilige Gedankenkonstrukt des Künstlers soll auf der Basis geometrischer Grundformen ganz konkret Farbe bekennen.

Roland Ranz weiß um die optische Nähe seiner Malerei zu einem guten Jahrhundert Konkreter Kunst, belässt es auch bei den Formen, multipliziert sie immer wieder wie Cuts zu einfachen Formkonglomeraten für große Formate. Jedoch geht er völlig neu und bewusst mit den Erscheinungen der Farben auf ihren Trägern um. Farben sind für den Künstler nicht allein pigmentierte, zur kreativen Verteilung freigegebene Materie auf Leinwänden. Farben sind für ihn nur unbeseelt, solange sie noch nicht befreit sind aus ihrer eindeutigen Zuordnung als definierte Farben. Farben in der Tube also sind ungeborene, unentwickelte Farben.

Hier setzt Roland Ranz an. Jede Farbe hat einen Lebensweg vor sich in Richtung Endbestimmung. Jede Farbe soll ein individualisiertes Farbconcetto, man kann sagen eine Art chromatisierte Seele, erhalten damit sie wirken kann. Es geht also um den Rollenkörper der Farbe im Bild. Den Geist, die Idee, das Konzept, all das, was die Konkreten Maler in Form und Farbe materialisiert sehen wollten, erweitert Roland Ranz mit der Idee der Farbseele in einem Rollenkörper.

Was aber heißt es, wenn den Farben eine Seele unterstellt wird, die explizit nicht die psychischen Zustände des Künstlers repräsentieren, sondern autonom in ihrem Farbselbstverständnis erscheinen sollen? Werden sie da nicht zu sehr vermenschlicht? Wird ihnen da nicht plötzlich eine unfreiwillige Verselbständigung, eine plötzliche Verantwortung für ihre Erscheinung außerhalb der Tube, ja, für ihr Dasein überhaupt zugemutet? Schließlich ist es doch immer noch der Künstler, der sie und ihren Modus im Bild erschaffen hat.

Genau das kommt auf die Wippe! Genau das würde Roland Ranz bestätigen.

Denn er ist der Seele der Farben mit farb-phänomenologischen Überlegungen auf der Spur. Dazu braucht er haptische Farben, resonierende Farben, vibrierende Farben, die sich an die Betrachtenden wenden, ihnen als Diskurspartner*innen entgegentreten können. Schließlich ist die Malerei eine Zeigekunst, die spiegelt und bespiegelt. Optische und psychologische Wahrnehmung sind immer Geschwisterchen, wenn sie gemeinsam durch kognitive Filter müssen.

Aber wie erreicht Roland Ranz die Beseelung der Farben?

Es fängt bei der Wahl der Farbträger an. Schon ihre Beschaffenheit ist entscheidend. Ob Leinwand, Nessel, Köper etc., jedes Maltuch hat seine spezifische Textur und wirkt sich auf die aufgetragene Farbe aus.

Dieser statischen Textur folgt eine dynamische durch den Farbauftrag. Beide Texturmodi definieren später zusammen die optische Struktur des Gemäldes. Die fertige Farboberfläche dann entscheidet über die wahre Farbtiefe. Sie ist bei Roland Ranz weder nur konkrete Farbfassade noch reine Optik.

Was aber dann?

Es handele sich bei seinem Zugang zur Malerei sozusagen um eine »Verschmutzung des Konkreten«, so hatte es Roland Ranz einmal formuliert.

Der Switch von Nahsicht und Fernsicht auf seine Gemälde seien zudem wichtig.

Mit »Verschmutzung des Konkreten« meint der Künstler die Teilauflösung oder auch Totalauflösung von Farbeindeutigkeiten. Es handelt sich hier um eine praktikabel in die Kunst eingebrachte Unschärferelation der Farben. Sie macht aus jeder sicher geglaubten Farbdefinition bzw. Farbidentifikation ein indifferent erscheinendes Spektrum einer Farbseele.

So hat Roland Ranz seinen Personalstil, seine sehr persönliche Handschrift entwickelt. Sie handelt von so etwas wie einer optischen Alchemie, die Farbseelen hervorbringt.

So entstehen nicht nur reine, urheberfrei erscheinende, mondrianeske Farboberflächen, sondern genauso etwa genarbte Farbhäute mit gestischen Texturen filigranster Differenzierung. Sie bedürfen einerseits der Nahsicht, um als farbmodellierende Topografien überhaupt aufzufallen, und andererseits wiederum der Fernsicht, um die Gesamtoptik zu irisieren.

Mit den Farbseelen korrespondiert ein formales Merkmal: Roland Ranz setzt Geometrien ein, die sich selbst zu demontieren scheinen. Aber in Wirklichkeit unterstützen sie den Dekonstruktionsmodus des eingesetzten Farbumgangs.

Die »Verschmutzung des Konkreten« meint also nichts anderes als der Konkreten Kunst Leben einzuhauchen.

Als Geschenk an das Sehen überhaupt und mit großer Empathie in die Erscheinungsformen und die Bedeutungsqualitäten der Farben erforscht Roland Ranz in seiner Malerei den Farbenkosmos hinsichtlich seines seelischen Wertekanons.

Download Einführungsrede